Gruselgeschichten Wettbewerb 5b

Schattenmann - eine Gruselgeschichte von Jonna

Ich saß in der Küche und schaute aus dem Fenster. Aus der Stube hörte ich Geschrei. Meine Eltern stritten sich – schon wieder. Sie stritten oft. Aber eigentlich war es mir egal. Es waren sowieso nicht meine, denn sie hatten mich adoptiert. Meine leiblichen Eltern sind weg. Man sagte sie haben eine Reise gemacht und sind nie wieder zurückgekommen.

Meine Gedanken wanderten zu einer der wenigen Sachen zurück, die meine Eltern, also die echten, mit hinterlassen hatten: ein Zelt. Ein grünes, kleines Zelt. An diesem Abend wuchs der Wunsch abzuhauen wie noch nie. Einfach so. Weg. Ich hatte nichts zu verlieren, denn die Dinge, die ich besaß, waren sehr überschaubar: das Zelt, ein Glücksbringer meiner von meiner Mutter, ein kleines Kuschelpferdchen, eine Wolldecke von meinem Vater und eine kleine alte Lampe, die ich von meiner Oma zur Geburt bekommen hatte.

Umso länger ich darüber nachdachte, desto dümmer fand ich die Idee, aber mein Körpe gehorchte meinem Gehirn nicht mehr und war eindeutig für das Abhauen. Also schlichen meine Füße durch das Zimmer, während meine Hände alles zusammensammelten. Aus der Küche holte ich Brot, Nudeln und Wasser. In der untersten Schublade, ganz hinten fand ich einen Campingkocher. Noch in der gleichen Nacht machte ich mich auf den Weg. Langsam bewegte ich mich durch die Nacht. Mein Gehirn konnte es noch nicht fassen: Ich wollte alleine Zelten. Alleine!!! Na gut. Aber wo? Ich lief planlos durch die Stadt und kämpfte mit der Müdigkeit.

In der Stadtmitte war alles gut. Hier gab es Laternen, Autos und Menschen doch je weiter ich nach außen vordrang wurde die Nacht bedrückender: nur noch wenige teilweise kaputte Laternen, wenige Menschen und besonders schlimm: hohe graue Häuser, die sich wie riesige Schatten über mich legten. Hätte ich gewusst, was noch auf mich zukam, hätte ich das nur halb so schlimm gefunden…

Ganz am Rand der Stadt entdeckte ich einen Friedhof. Neben dem Friedhof war eine kleine Wiese, um die sich schützende Hecken rankten. Hohe Bäume erstreckten sich in den Himmel und ein Käuzchen rief in die Nacht. Eigentlich der perfekte Platz, um mein Zelt aufzubauen. Wenn da nicht der Friedhof wäre… Aber ich war so müde, dass ich einfach auf die Wiese lief und mit gekonnten Handgriffen mein Zelt aufbaute. Dann schlief ich schnell ein.

Plötzlich wachte ich wieder auf. Ich hatte etwas gehört. Mein Blick huschte an den Zeltwänden entlang. Draußen raschelte es. Mein Herz schlug laut und schnell. Ich schälte mich langsam und möglichst leise aus meiner Decke. In der Nacht hörte sich alles viel lauter an und ich bekam Angst, dass das, was auch immer da draußen war, mich hörte und das Zelt entdeckte. Oder hatte, wer auch immer das war, mich schon gesehen? Mir brach der Schweiß aus und zuerst bekam ich den Reißverschluss vom Zelteingang nicht auf. Doch dann klappte es und ich linste aus dem Zelt heraus. Am Horizont ging die Sonne auf und so sah ich, dass ich von meinem Zeltplatz aus direkt auf den Friedhof sehen konnte. Gerade war alles still, aber im lehmigen Boden sah ich frische Fußspuren. Wer war heute Morgen hier gewesen? Den ganzen Tag über war ich wachsam, doch bis zum Abend blieb alles still. Aber kaum war ich im Zelt und hatte mich zugedeckt hörte ich von draußen Geräusche. Ich schloss die Augen und lauschte. Rascheln im Laub, Grillen und dann ein leises, tiefes Weinen. Ich bekam weiche Knie und schlich langsam zum Rand der Lichtung. Ein Katzensprung von mir entfernt saß ein Mann im schwachen Mondlicht vor einem Grab und schluchzte leise. Sein Gesicht wirkte blass, aber vielleicht war das auch nur der Mond, der ihn von vorne anstrahlte, dacht ich. Ich beschloss zurück zu meinem Zelt zu gehen und das tat ich dann auch. Schließlich sollte man Trauernde nicht stören. Doch irgendetwas an dem Bild, das ich von dem Mann vor Augen hatte, war komisch. Ich kam nur nicht darauf was…

Kaum hatte ich die Augen geschlossen, hatte ich plötzlich einen Geistesblitz. Ich wusste was komisch war! In der Sekunde, in der mir auffiel, was merkwürdig war, setzte mein Herz einen Schlag aus. Dann pochte es doppelt so schnell wieder los. Meine Gedanken fuhren Achterbahn und doch war ich mir ganz sicher: Der Mond hatte den Mann von vorne angestrahlt, aber sein Schatten lag nicht etwa hinter ihm, sondern zwischen ihm und dem Mond. Meine Hand krampfte sich in die Decke, mein Herz raste nun so schnell, dass ich dachte, es müsste herausspringen und kreuz und quer durch Zelt hüpfen. Ich zog meine Beine zu mir heran und zwang mich ruhig zu atmen. Ich war mir sicher, dass ich mich nicht verkuckt hatte. Auf einmal hörte ich Schritte und fuhr senkrecht in die Höhe. Mein Blick wanderte die Zeltwand entlang und blieb an dem Ausgang hängen. Sollte ich kucken gehen? Ich lauschte. Nein, die Schritte kamen immer näher. Wenn es der Schattenmann war, der mich holen wollte? In meinem Kopf liefen im Zeitraffer hunderte von Szenen von Kämpfen mit dem Mann ab. Ich war viel zu verängstigt, um etwas zu tun. Dann hörte ich das Geräusch des Reißverschlusses. Ich wandte den Kopf und starrte mit schreckgeweiteten Augen den Reißverschluss an, den jemand langsam nach oben zog.

Aber nicht der Schattenmann und auch keine andere fremde Gestalt, sondern eine Frau mit langen, verwuschelten Haaren und müden Augen steckte ihren Kopf ins Zelt.

„Ma…Mama.“ stammelte ich. Meine Mutter sah mich an: „Wo warst Du nur?“ Sie kroch zu mir ins Zelt. Ich schmiegte mich an sie und begann zu weinen. „Komm her!“ wisperte sie, „Alles wird gut! Papa und ich werden uns vertragen. Dann arbeiten wir an uns. Was meinst Du?“ Ich nickte nur und kuschelte mich tief in ihren Arm. „Hab‘ Euch lieb.“ Das war das Letzte, was ich sagte, bevor ich vor Erschöpfung einschlief.

Doch was mit dem Mann damals war, das habe ich niemals herausgefunden. Aber ich habe mich nicht getäuscht, das verspreche ich.

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